Geschichte · Mittelstufe · Klasse 9
Erster Weltkrieg 1914–1918
Ursachen und Anlass, Julikrise, Kriegsverlauf mit Stellungskrieg, Heimatfront, Kriegsende und Versailler Vertrag.
🎯 Lernziele
Nach diesem Thema kannst du …
- langfristige Ursachen und den Anlass des Krieges unterscheiden
- die Julikrise 1914 erklären
- die Merkmale des industrialisierten Krieges (Stellungskrieg, Materialschlacht) beschreiben
- Kriegsende, Revolution 1918 und die Bestimmungen des Versailler Vertrags erläutern
💡 Erklärung
Langfristige Ursachen waren Imperialismus und Konkurrenz der Großmächte, Wettrüsten (besonders Flottenrüsten zwischen Deutschland und Großbritannien), Nationalismus, die Bündnissysteme (Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn; Entente Frankreich, Russland, Großbritannien) und Spannungen auf dem Balkan. Den Anlass bildete das Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914: Ein bosnisch-serbischer Nationalist erschoss den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau.
In der Julikrise sicherte Deutschland Österreich-Ungarn bedingungslose Unterstützung zu („Blankoscheck“). Österreich-Ungarn stellte Serbien ein scharfes Ultimatum und erklärte am 28. Juli den Krieg. Russland mobilisierte, Deutschland erklärte Russland (1. August) und Frankreich (3. August) den Krieg und marschierte nach dem Schlieffen-Plan durch das neutrale Belgien – daraufhin trat Großbritannien in den Krieg ein. Die Frage der Verantwortung ist bis heute Gegenstand der Forschung (z. B. Fischer-Kontroverse in den 1960er-Jahren, Debatte um Christopher Clarks „Die Schlafwandler“ 2012/13).
Nach dem Scheitern des schnellen Vormarsches an der Marne (September 1914) erstarrte die Westfront zum Stellungskrieg in Schützengräben. In Materialschlachten wie Verdun und an der Somme (1916) starben Hunderttausende, ohne dass sich die Front wesentlich verschob. Neue Waffen wie Maschinengewehre, Giftgas, Panzer und Flugzeuge prägten den ersten industrialisierten Krieg. An der „Heimatfront“ litten die Menschen unter Hunger (Steckrübenwinter 1916/17); Frauen übernahmen viele Arbeiten in Fabriken.
1917 traten die USA in den Krieg ein; in Russland führten die Revolutionen zum Ausscheiden aus dem Krieg (Frieden von Brest-Litowsk 1918). Nach dem Scheitern der deutschen Frühjahrsoffensive 1918 forderte die Oberste Heeresleitung einen Waffenstillstand. Matrosenaufstände lösten die Novemberrevolution aus; am 9. November 1918 wurde die Republik ausgerufen, Wilhelm II. ging ins Exil. Am 11. November 1918 wurde der Waffenstillstand unterzeichnet. Der Versailler Vertrag (1919) verpflichtete Deutschland u. a. zu Gebietsabtretungen (z. B. Elsass-Lothringen an Frankreich, Gebiete an Polen), Abrüstung (Heer von 100 000 Mann), Reparationen und erklärte in Artikel 231 die Verantwortung Deutschlands und seiner Verbündeten für die Kriegsschäden.
Rund 17 Millionen Menschen starben im Ersten Weltkrieg (Soldaten und Zivilisten; Schätzungen schwanken). In Frankreich und Großbritannien spricht man bis heute vom „Großen Krieg“; der US-Diplomat George F. Kennan nannte ihn die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts.
📘 Fachbegriffe
- Ursache / Anlass
- Tiefer liegende Gründe / unmittelbarer Auslöser eines Ereignisses.
- Julikrise
- Diplomatische Krise nach dem Attentat von Sarajevo bis zum Kriegsbeginn 1914.
- Blankoscheck
- Bedingungslose deutsche Unterstützungszusage an Österreich-Ungarn.
- Schlieffen-Plan
- Deutscher Aufmarschplan: schneller Sieg im Westen über Belgien, dann gegen Russland.
- Stellungskrieg
- Krieg mit festgefahrenen Fronten in Schützengräben.
- Versailler Vertrag
- Friedensvertrag von 1919 zwischen den Siegermächten und Deutschland.
⚠️ Typische Fehler
- Das Attentat von Sarajevo als Ursache bezeichnen – es war der Anlass.
- Annehmen, Deutschland habe den Krieg 1918 militärisch nicht verloren („Dolchstoßlegende“) – die Heeresleitung selbst forderte den Waffenstillstand.
- Waffenstillstand (11.11.1918) und Versailler Vertrag (unterzeichnet 28.06.1919) verwechseln.
✏️ Übungen
Aufgabe 1 · leicht: Nenne drei langfristige Ursachen des Ersten Weltkriegs.
Lösung anzeigen
Imperialismus/Konkurrenz um Kolonien, Wettrüsten, Bündnissysteme, Nationalismus, Balkankonflikte.
Aufgabe 2 · mittel: Erkläre, warum der Einmarsch in Belgien Großbritannien zum Kriegseintritt bewegte.
Lösung anzeigen
Großbritannien war Garantiemacht der belgischen Neutralität (Vertrag von 1839); außerdem wollte es keine deutsche Vorherrschaft auf dem Kontinent und an der Kanalküste. Der Bruch der Neutralität war Anlass und Rechtfertigung des Kriegseintritts.
Aufgabe 3 · anspruchsvoll: Erläutere, warum der Versailler Vertrag in Deutschland als „Diktatfrieden“ empfunden wurde, und beurteile diese Sicht.
Lösung anzeigen
Deutschland war von den Verhandlungen ausgeschlossen, Gebietsverluste, hohe Reparationen, Abrüstung und der Kriegsschuldartikel 231 wurden als Demütigung erlebt. Beurteilung: Der Vertrag war hart, aber z. B. milder als der Frieden von Brest-Litowsk, den Deutschland Russland 1918 auferlegt hatte; das Reich blieb als Staat erhalten. Die „Diktat“-Rhetorik wurde von Gegnern der Republik politisch ausgenutzt.
✅ Selbsttest
🧾 Zusammenfassung
- Ursachen: Imperialismus, Wettrüsten, Bündnisse, Nationalismus; Anlass: Sarajevo 28.06.1914.
- Julikrise: Blankoscheck, Ultimatum, Mobilmachungen, Schlieffen-Plan.
- Stellungskrieg, Materialschlachten, neue Waffen, Hunger an der Heimatfront.
- 1917 USA; 9.11.1918 Republik; 11.11.1918 Waffenstillstand; 1919 Versailler Vertrag.
🎓 Abiturähnliche Aufgabe: Die Kriegsschuldfrage in der Forschung
Übungsaufgabe im Stil des Abiturs (keine Originalprüfung). Bearbeitungszeit etwa 60 Minuten.
M1 (Darstellung, sinngemäß): Der Historiker Fritz Fischer vertrat 1961 in „Griff nach der Weltmacht“ die These, die deutsche Reichsleitung habe in der Julikrise bewusst einen großen Krieg riskiert und weitreichende Kriegsziele verfolgt; Deutschland trage einen erheblichen Teil der Verantwortung.
M2 (Darstellung, sinngemäß): Christopher Clark beschreibt in „Die Schlafwandler“ (2012/13) die Politiker aller Großmächte als Akteure, die in einer komplexen Krise mit begrenzter Weitsicht handelten; die Verantwortung sei auf mehrere Staaten verteilt.
Hinweis: In der Prüfung erhältst du Originalauszüge mit Zeilenangaben. Hier sind die Positionen nur zusammengefasst – nicht wörtlich zitieren.
- Stellen Sie die Positionen von Fischer und Clark dar (M1, M2). (AFB I)
- Erläutern Sie mithilfe Ihrer Kenntnisse über die Julikrise, welche Ereignisse sich für die jeweilige Position anführen lassen. (AFB II)
- Erörtern Sie, welche Bedeutung die Frage nach der Verantwortung für den Kriegsbeginn für die Geschichte der Weimarer Republik hatte. (AFB III)
Erwartungshorizont anzeigen
- Fischer: deutsche Hauptverantwortung, bewusstes Risiko, offensive Kriegsziele. Clark: geteilte Verantwortung, Verkettung von Fehlentscheidungen, keine einseitige Schuldzuweisung.
- Für Fischer: Blankoscheck vom 5./6. Juli, Drängen auf schnelles Vorgehen gegen Serbien, Schlieffen-Plan mit Bruch der belgischen Neutralität, Kriegserklärungen an Russland und Frankreich. Für Clark: serbischer Nationalismus/Netzwerke hinter dem Attentat, russische Generalmobilmachung, französische Bündnispolitik, Fehleinschätzungen aller Seiten.
- Artikel 231 und die Kriegsschuldfrage wurden in der Weimarer Republik zum Kampfthema: Gegner der Republik nutzten die „Kriegsschuldlüge“ und die Dolchstoßlegende gegen die Demokratie und den Versailler Vertrag; Belastung der Republik, Radikalisierung, Revisionsforderungen. Abwägung und begründetes Urteil.
👩 Frag CELINA zu „Erster Weltkrieg 1914–1918“
Passt dazu: Deutsches Kaiserreich 1871–1918 · Weimarer Republik 1918–1933