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Geschichte · Mittelstufe · Klasse 9–10 (Vertiefung Oberstufe)

Nationalsozialismus: Machtübernahme und Diktatur

Ideologie, Errichtung der Diktatur 1933/34, Gleichschaltung, Volksgemeinschaft und Ausgrenzung, Propaganda und Terror – und Widerstand.

🎯 Lernziele

Nach diesem Thema kannst du …

  • Kernelemente der NS-Ideologie benennen und erklären
  • die Schritte der Machtsicherung 1933/34 beschreiben
  • Herrschaftsmittel (Propaganda, Terror, Verführung) erklären
  • die schrittweise Entrechtung der Juden 1933–1938 darstellen
  • Formen des Widerstands und ihre Bedingungen erläutern

💡 Erklärung

Die NS-Ideologie beruhte auf Rassismus und radikalem Antisemitismus, der Vorstellung einer „Volksgemeinschaft“, aus der angeblich „Fremde“ und „Gemeinschaftsfremde“ ausgeschlossen werden sollten, dem Führerprinzip, der Ablehnung von Demokratie, Liberalismus und Marxismus sowie der Forderung nach „Lebensraum im Osten“, der durch Krieg erobert werden sollte.

Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler (30. Januar 1933) sicherten die Nationalsozialisten ihre Macht in kurzer Zeit: Nach dem Reichstagsbrand (27. Februar) setzte die Reichstagsbrandverordnung (28. Februar) die Grundrechte außer Kraft; politische Gegner, vor allem Kommunisten, wurden verhaftet. Bei der Wahl am 5. März 1933 erreichte die NSDAP 43,9 % – trotz Terror keine absolute Mehrheit. Das Ermächtigungsgesetz (23./24. März 1933) erlaubte der Regierung, Gesetze ohne den Reichstag zu erlassen; nur die SPD stimmte dagegen, die KPD-Abgeordneten waren verhaftet oder geflohen.

Es folgte die Gleichschaltung: Die Länder verloren ihre Selbstständigkeit, die Gewerkschaften wurden am 2. Mai 1933 zerschlagen, alle Parteien außer der NSDAP aufgelöst oder verboten (Gesetz gegen die Neubildung von Parteien, 14. Juli 1933). Beim sogenannten „Röhm-Putsch“ (30. Juni 1934) ließ Hitler die SA-Führung und weitere Gegner ermorden. Nach dem Tod Hindenburgs (2. August 1934) vereinte Hitler die Ämter von Reichspräsident und Reichskanzler als „Führer und Reichskanzler“; die Reichswehr wurde persönlich auf ihn vereidigt.

Herrschaft beruhte auf Propaganda (Joseph Goebbels; Rundfunk, Film, Massenveranstaltungen), Erfassung (Hitlerjugend, BDM, Deutsche Arbeitsfront), Terror (SS, Gestapo, Konzentrationslager ab 1933) sowie auf Zustimmung vieler, etwa durch sinkende Arbeitslosigkeit (auch durch Aufrüstung) und außenpolitische Erfolge. Juden wurden schrittweise entrechtet: Boykott jüdischer Geschäfte (1. April 1933), Entlassung aus dem Staatsdienst (April 1933), Nürnberger Gesetze (1935), Novemberpogrom (9./10. November 1938) mit zerstörten Synagogen, Geschäften und Wohnungen, Morden und rund 30 000 verschleppten jüdischen Männern. Widerstand leisteten nur wenige unter großer Gefahr: Arbeiterbewegung, Teile der Kirchen, Einzelne wie Georg Elser (Attentat 8. November 1939), die „Weiße Rose“ um Hans und Sophie Scholl (1942/43) und Militärs um Claus Schenk Graf von Stauffenberg (20. Juli 1944).

Beispiel

Gleichschaltung im Alltag: Ein Gesangverein musste jüdische Mitglieder ausschließen, einen „Vereinsführer“ statt eines gewählten Vorstands bestimmen und an NS-Feiertagen auftreten. So reichte der Anspruch der Diktatur bis in die Freizeit.

📘 Fachbegriffe

Volksgemeinschaft
NS-Leitbild einer „rassisch“ definierten Gemeinschaft unter Ausschluss angeblich nicht Dazugehöriger.
Führerprinzip
Alle Entscheidungen von oben nach unten, unbedingter Gehorsam gegenüber dem „Führer“.
Reichstagsbrandverordnung
Notverordnung vom 28.2.1933; setzte Grundrechte dauerhaft außer Kraft.
Ermächtigungsgesetz
Gesetz vom März 1933; Regierung durfte Gesetze ohne Parlament erlassen.
Gleichschaltung
Ausrichtung aller Bereiche von Staat und Gesellschaft auf die NS-Ideologie.
Nürnberger Gesetze
Gesetze von 1935, die Juden zu Bürgern minderen Rechts machten.
Novemberpogrom
Organisierte Gewalt gegen Juden am 9./10. November 1938.

⚠️ Typische Fehler

  • „Machtergreifung“ unkritisch als plötzliche Gewaltaktion beschreiben – Hitler wurde legal ernannt; die Diktatur wurde danach schrittweise errichtet (viele sprechen daher von „Machtübertragung“ und „Machtsicherung“).
  • Den verharmlosenden NS-Begriff „Reichskristallnacht“ unkommentiert verwenden – besser: Novemberpogrom.
  • Annehmen, alle Deutschen seien entweder Täter oder Widerstandskämpfer gewesen – die große Mehrheit passte sich an, viele stimmten zu, wenige widersetzten sich.

✏️ Übungen

Aufgabe 1 · leicht: Bringe in die richtige Reihenfolge: Ermächtigungsgesetz, Novemberpogrom, Reichstagsbrandverordnung, Nürnberger Gesetze, „Röhm-Putsch“.

Lösung anzeigen

Reichstagsbrandverordnung (Feb. 1933) → Ermächtigungsgesetz (März 1933) → „Röhm-Putsch“ (Juni 1934) → Nürnberger Gesetze (Sept. 1935) → Novemberpogrom (Nov. 1938).

Aufgabe 2 · mittel: Erkläre, warum das Ermächtigungsgesetz als „Ende der Weimarer Verfassung“ gilt.

Lösung anzeigen

Die Regierung konnte Gesetze ohne Reichstag erlassen, auch verfassungsändernde; damit war die Gewaltenteilung aufgehoben. Der Reichstag entmachtete sich selbst. Formal galt die Verfassung weiter, praktisch war sie außer Kraft.

Aufgabe 3 · anspruchsvoll: Erläutere, warum das NS-Regime trotz Terror auch auf Zustimmung in der Bevölkerung stieß.

Lösung anzeigen

Rückgang der Arbeitslosigkeit (Arbeitsbeschaffung, Aufrüstung), Ordnungs- und Gemeinschaftsversprechen, außenpolitische Erfolge (Saarland, Rheinland, „Anschluss“ Österreichs), Freizeitangebote (KdF), Propaganda; Profiteure der Ausgrenzung (Arisierung). Gleichzeitig Angst vor Verfolgung. Zustimmung, Anpassung und Terror wirkten zusammen.

✅ Selbsttest

1. Welche Partei stimmte im Reichstag gegen das Ermächtigungsgesetz?
2. Was geschah am 9./10. November 1938?
3. Wann scheiterte das Attentat Stauffenbergs?

🧾 Zusammenfassung

  • Ideologie: Rassismus, Antisemitismus, Volksgemeinschaft, Führerprinzip, Lebensraum.
  • 1933: Reichstagsbrandverordnung, Ermächtigungsgesetz, Gleichschaltung; 1934 „Röhm-Putsch“, Führerstaat.
  • Herrschaft durch Propaganda, Terror und Zustimmung.
  • Entrechtung der Juden: 1933 Boykott, 1935 Nürnberger Gesetze, 1938 Novemberpogrom.
  • Widerstand: Elser, Weiße Rose, 20. Juli 1944 u. a.

🎓 Abiturähnliche Aufgabe: Das Ermächtigungsgesetz – legale Revolution?

Übungsaufgabe im Stil des Abiturs (keine Originalprüfung). Bearbeitungszeit etwa 90 Minuten.

Material

M1 (Sachinformation): Am 23. März 1933 stimmte der Reichstag in der Krolloper über das „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“ ab. SA- und SS-Männer standen im und vor dem Gebäude. Die KPD-Abgeordneten waren verhaftet oder untergetaucht, auch einzelne SPD-Abgeordnete fehlten. Das Zentrum stimmte nach Zusicherungen Hitlers zu. Ergebnis: 444 Ja- gegen 94 Nein-Stimmen (SPD).

M2 (Gesetzesinhalt, sinngemäß): Reichsgesetze können außer im verfassungsmäßigen Verfahren auch durch die Reichsregierung beschlossen werden; sie dürfen von der Verfassung abweichen, soweit sie nicht Reichstag und Reichsrat als solche betreffen; die Rechte des Reichspräsidenten bleiben unberührt. Das Gesetz war auf vier Jahre befristet.

Hinweis: Die Rede von Otto Wels („Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.“) kannst du im Original nachlesen; in der Prüfung erhältst du Auszüge mit Zeilenangaben.

  1. Fassen Sie Inhalt und Zustandekommen des Ermächtigungsgesetzes zusammen (M1, M2). (AFB I)
  2. Erläutern Sie seine Bedeutung im Prozess der Machtsicherung 1933/34. (AFB II)
  3. Beurteilen Sie die nationalsozialistische Selbstdarstellung einer „legalen Revolution“. (AFB III)
Erwartungshorizont anzeigen
  1. Inhalt: Gesetzgebung durch die Regierung, auch verfassungsändernd; befristet; Zustandekommen unter Einschüchterung, Ausschaltung der KPD, Zustimmung bürgerlicher Parteien; Zweidrittelmehrheit erreicht.
  2. Rechtliche Grundlage für die weitere Gleichschaltung (Länder, Parteiverbote, Beamtengesetz); Ende der Gewaltenteilung; Zusammenspiel mit der Reichstagsbrandverordnung (Grundrechte) – zusammen die „Verfassungsurkunde“ des Dritten Reiches.
  3. Formal: verfassungsändernde Mehrheit erreicht. Aber: Ausschaltung gewählter Abgeordneter, Einschüchterung, vorherige Aufhebung der Grundrechte, Wahl unter Terror → Legalität nur Fassade; Legalitätstaktik sollte Bürgertum und Beamtenschaft beruhigen. Begründetes Urteil mit Trennung von Sach- und Werturteil.

👩 Frag CELINA zu „Nationalsozialismus: Machtübernahme und Diktatur“

Passt dazu: Weimarer Republik 1918–1933 · Zweiter Weltkrieg 1939–1945 · Holocaust und nationalsozialistische Verbrechen