Geschichte · Mittelstufe · Klasse 9–10 (Vertiefung Oberstufe)
Weimarer Republik 1918–1933
Entstehung der ersten deutschen Demokratie, Verfassung, Krisenjahre 1923, „Goldene Zwanziger“, Weltwirtschaftskrise und Ursachen des Scheiterns.
🎯 Lernziele
Nach diesem Thema kannst du …
- die Entstehung der Republik 1918/19 beschreiben
- die Weimarer Reichsverfassung mit ihren Stärken und Schwächen erklären
- die Krisen von 1923 und die Phase der relativen Stabilisierung erläutern
- Ursachen für das Scheitern der Republik multikausal erklären und gewichten
💡 Erklärung
Am 9. November 1918 rief Philipp Scheidemann (SPD) die Republik aus; Friedrich Ebert (SPD) übernahm die Regierung (Rat der Volksbeauftragten). Im Januar 1919 wurde der Spartakusaufstand niedergeschlagen; Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden von Freikorps-Offizieren ermordet. Am 19. Januar 1919 wählten erstmals auch Frauen auf Reichsebene; die Nationalversammlung tagte in Weimar und beschloss im Sommer 1919 die Verfassung.
Die Weimarer Reichsverfassung schuf eine parlamentarische Demokratie mit Grundrechten und reinem Verhältniswahlrecht ohne Sperrklausel. Der direkt gewählte Reichspräsident hatte große Macht: Er ernannte den Reichskanzler, konnte den Reichstag auflösen (Art. 25) und nach Artikel 48 bei Störung der öffentlichen Sicherheit Notverordnungen erlassen und Grundrechte außer Kraft setzen. Kritiker sprechen von einem „Ersatzkaiser“. Das Verhältniswahlrecht führte zu vielen Parteien und schwierigen Koalitionen.
Die junge Republik war von Anfang an belastet: Versailler Vertrag, Dolchstoßlegende, Putschversuche von rechts (Kapp-Putsch 1920) und links, politische Morde (z. B. an Walther Rathenau 1922). 1923 wurde zum Krisenjahr: Frankreich und Belgien besetzten das Ruhrgebiet, die Hyperinflation vernichtete Ersparnisse (im November 1923 kostete ein US-Dollar rund 4,2 Billionen Mark), und Hitler versuchte in München einen Putsch. Mit der Rentenmark, dem Dawes-Plan (1924) und der Außenpolitik Gustav Stresemanns (Locarno 1925, Völkerbund 1926) folgte eine Phase relativer Stabilisierung („Goldene Zwanziger“), getragen auch von amerikanischen Krediten.
Die Weltwirtschaftskrise ab Ende 1929 brachte Massenarbeitslosigkeit (Anfang 1932 rund 6 Millionen registrierte Arbeitslose). Die Große Koalition zerbrach im März 1930; danach regierten Präsidialkabinette (Brüning, Papen, Schleicher) mit Notverordnungen nach Art. 48 – das Parlament wurde zunehmend ausgeschaltet. Radikale Parteien gewannen: Die NSDAP stieg von 2,6 % (1928) auf 37,3 % (Juli 1932). Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler – auf Betreiben konservativer Kreise, die glaubten, ihn „einrahmen“ zu können.
Inflation 1923 im Alltag: Arbeiter wurden täglich, teils zweimal am Tag bezahlt und eilten sofort einkaufen, weil das Geld am Abend schon weniger wert war. Wer Ersparnisse hatte – oft der Mittelstand – verlor alles; wer Schulden hatte oder Sachwerte besaß, profitierte. Das Vertrauen vieler Bürger in die Republik wurde schwer erschüttert.
📘 Fachbegriffe
- Nationalversammlung
- 1919 gewähltes Parlament, das in Weimar die Verfassung beschloss.
- Artikel 48
- Notverordnungsrecht des Reichspräsidenten.
- Verhältniswahlrecht
- Sitzverteilung nach Stimmenanteil; in Weimar ohne Sperrklausel.
- Dolchstoßlegende
- Falschbehauptung, das „im Felde unbesiegte“ Heer sei von der Heimat verraten worden.
- Hyperinflation
- Extrem schnelle Geldentwertung (1923).
- Präsidialkabinett
- Regierung, die sich auf das Vertrauen und die Notverordnungen des Reichspräsidenten stützt statt auf eine Parlamentsmehrheit.
⚠️ Typische Fehler
- „Hitler wurde demokratisch gewählt“ – die NSDAP erhielt nie eine absolute Mehrheit in freien Wahlen; Hitler wurde vom Reichspräsidenten ernannt.
- Das Scheitern nur mit einer Ursache erklären (z. B. nur Versailles oder nur Weltwirtschaftskrise) – es war ein Zusammenwirken vieler Faktoren.
- Die „Goldenen Zwanziger“ als stabile Blütezeit darstellen – die Stabilität war relativ und von Krediten abhängig.
✏️ Übungen
Aufgabe 1 · leicht: Nenne drei Ereignisse des Krisenjahres 1923.
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Ruhrbesetzung, Hyperinflation, Hitlerputsch in München (außerdem Separatismus im Rheinland, kommunistische Aufstandsversuche).
Aufgabe 2 · mittel: Erkläre, warum Artikel 48 zur Gefahr für die Demokratie werden konnte.
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Er erlaubte dem Präsidenten, ohne Parlament per Notverordnung zu regieren und Grundrechte außer Kraft zu setzen. Gedacht für Ausnahmesituationen, wurde er ab 1930 zum Dauerinstrument der Präsidialkabinette. In Verbindung mit dem Auflösungsrecht (Art. 25) und dem Ernennungsrecht konnte der Präsident am Parlament vorbei regieren.
Aufgabe 3 · anspruchsvoll: Erörtere, ob die Weimarer Republik „von Anfang an zum Scheitern verurteilt“ war.
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Pro: Belastungen von Beginn an (Versailles, Dolchstoßlegende, antidemokratische Eliten in Militär, Justiz, Verwaltung, Verfassungsschwächen). Contra: Republik überstand 1923, stabilisierte sich 1924–1929, demokratische Parteien hatten lange Mehrheiten; erst Weltwirtschaftskrise und Entscheidungen einzelner Akteure (Präsidialkabinette, Ernennung Hitlers) führten zum Ende. Begründetes Urteil, z. B.: Nicht zwangsläufig, aber stark vorbelastet; das Ende war Folge von Krise und Entscheidungen.
✅ Selbsttest
🧾 Zusammenfassung
- 9.11.1918 Republik; 19.1.1919 Wahl mit Frauenwahlrecht; Verfassung 1919.
- Verfassung: Grundrechte, Verhältniswahl ohne Sperrklausel, starker Präsident (Art. 25, 48).
- 1923 Krise (Ruhr, Inflation, Putsch); 1924–29 relative Stabilisierung (Stresemann).
- Ab 1929 Weltwirtschaftskrise, Präsidialkabinette, Aufstieg der NSDAP; 30.1.1933 Hitler Kanzler.
🎓 Abiturähnliche Aufgabe: Warum scheiterte die Weimarer Republik?
Übungsaufgabe im Stil des Abiturs (keine Originalprüfung). Bearbeitungszeit etwa 90 Minuten.
M1 (Verfassungstext, sinngemäß): Artikel 48 Abs. 2 WRV: Ist die öffentliche Sicherheit und Ordnung im Reich erheblich gestört oder gefährdet, kann der Reichspräsident die nötigen Maßnahmen treffen, nötigenfalls mit bewaffneter Macht, und dazu bestimmte Grundrechte vorübergehend außer Kraft setzen. Der Reichstag kann die Aufhebung der Maßnahmen verlangen.
M2 (Statistik): Stimmenanteile der NSDAP bei Reichstagswahlen: Mai 1928: 2,6 %; September 1930: 18,3 %; Juli 1932: 37,3 %; November 1932: 33,1 %.
M3 (Statistik, gerundet): Registrierte Arbeitslose im Jahresdurchschnitt: 1928 ca. 1,4 Mio.; 1930 ca. 3,1 Mio.; 1932 ca. 5,6 Mio.
- Analysieren Sie M2 und M3 und setzen Sie die Entwicklung zueinander in Beziehung. (AFB I/II)
- Erläutern Sie, welche Rolle Artikel 48 (M1) in der Endphase der Republik spielte. (AFB II)
- Beurteilen Sie die Bedeutung struktureller Faktoren im Vergleich zu Entscheidungen einzelner Personen für das Scheitern der Republik. (AFB III)
Erwartungshorizont anzeigen
- Starker Anstieg der NSDAP-Stimmen parallel zur Arbeitslosigkeit; Höhepunkt Juli 1932; Rückgang im November 1932 trotz weiter hoher Not. Korrelation ≠ alleinige Ursache: Krise als Verstärker von Radikalisierung, Angst vor sozialem Abstieg, Propaganda.
- Ab 1930 Präsidialkabinette Brüning, Papen, Schleicher: Regieren per Notverordnung, Reichstagsauflösungen (Art. 25) – Entmachtung des Parlaments, Gewöhnung an autoritäres Regieren, Machtzuwachs des Präsidenten und seiner Umgebung; die Reichstagsbrandverordnung 1933 nutzte ebenfalls Art. 48.
- Strukturell: Verfassungsschwächen, Belastungen durch Versailles und Inflation, Weltwirtschaftskrise, antidemokratische Eliten und Parteien. Personell: Entscheidungen Hindenburgs und seiner Berater (Papen), Brünings Sparpolitik, Unterschätzung Hitlers. Abwägung und begründetes eigenes Urteil (z. B. Strukturen schufen die Möglichkeit, Personen trafen die entscheidenden Schritte).
👩 Frag CELINA zu „Weimarer Republik 1918–1933“
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