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Geschichte · Oberstufe und Abitur · Klasse 10–12

Friedliche Revolution und Wiedervereinigung 1989/90

Ursachen und Verlauf der Friedlichen Revolution in der DDR, Mauerfall, Weg zur Einheit mit Zwei-plus-Vier-Vertrag und die Herausforderungen danach.

🎯 Lernziele

Nach diesem Thema kannst du …

  • innere und äußere Ursachen der Friedlichen Revolution erklären
  • den Verlauf vom Sommer 1989 bis zum 3. Oktober 1990 darstellen
  • den Zwei-plus-Vier-Vertrag und den Einigungsvertrag erläutern
  • Probleme der inneren Einheit beurteilen

💡 Erklärung

Ende der 1980er-Jahre geriet die DDR in eine tiefe Krise: Die Wirtschaft war marode und hoch verschuldet, die Versorgung schlecht, die Umwelt stark belastet. Die SED-Führung unter Erich Honecker lehnte Reformen nach dem Vorbild Gorbatschows ab. Nach den nachweislich gefälschten Kommunalwahlen im Mai 1989 wuchs der Protest. Als Ungarn im Sommer 1989 seine Grenze zu Österreich öffnete (für DDR-Bürger offiziell am 11. September), flohen Zehntausende in den Westen; andere besetzten die Botschaften der Bundesrepublik in Prag und Warschau.

Gleichzeitig gingen Menschen auf die Straße: Bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig riefen sie „Wir sind das Volk“. Am 9. Oktober 1989 demonstrierten dort rund 70 000 Menschen, ohne dass die Staatsmacht eingriff – ein Wendepunkt. Neue Gruppen wie das Neue Forum forderten Reformen. Honecker wurde am 18. Oktober abgesetzt. Am 9. November 1989 verkündete Politbüromitglied Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz missverständlich eine sofortige Reiseregelung; noch in der Nacht öffneten sich die Grenzübergänge in Berlin – die Mauer fiel.

An Runden Tischen verhandelten Opposition und alte Kräfte. Bei der ersten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 siegte die „Allianz für Deutschland“, die eine schnelle Einheit wollte; der Ruf hatte sich gewandelt zu „Wir sind ein Volk“. Am 1. Juli 1990 trat die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion in Kraft (D-Mark in der DDR). Im Zwei-plus-Vier-Vertrag (12. September 1990) stimmten die vier Siegermächte der Einheit zu; Deutschland erhielt die volle Souveränität, erkannte die Oder-Neiße-Grenze als endgültig an und begrenzte seine Streitkräfte. Mit dem Beitritt der DDR nach Art. 23 GG wurde Deutschland am 3. Oktober 1990 wiedervereinigt.

Die innere Einheit erwies sich als schwierig: Die Treuhandanstalt privatisierte oder schloss die volkseigenen Betriebe; Millionen Menschen in Ostdeutschland verloren ihre Arbeit oder mussten sich neu orientieren. Löhne, Renten und Vermögen glichen sich nur langsam an, viele junge Menschen zogen in den Westen. Zugleich wurden Infrastruktur und Städte umfassend modernisiert. Wie die Einheit gelang und was dabei verloren ging, wird bis heute unterschiedlich bewertet.

Beispiel

Leipzig, 9. Oktober 1989: Die Demonstrierenden wussten nicht, ob Polizei und Kampfgruppen schießen würden; Krankenhäuser hatten Blutkonserven bereitgestellt. Ein Aufruf von sechs Leipziger Persönlichkeiten (u. a. Kurt Masur) zur Gewaltlosigkeit wurde verlesen. Dass der Abend friedlich blieb, ermutigte Hunderttausende in der ganzen DDR.

📘 Fachbegriffe

Friedliche Revolution
Gewaltfreier Umsturz der SED-Herrschaft 1989/90.
Montagsdemonstration
Wöchentliche Proteste, ausgehend von Friedensgebeten in der Leipziger Nikolaikirche.
Runder Tisch
Verhandlungsgremium von Opposition und bisheriger Staatsmacht 1989/90.
Zwei-plus-Vier-Vertrag
Vertrag beider deutscher Staaten mit den vier Siegermächten (1990) über die außenpolitischen Fragen der Einheit.
Einigungsvertrag
Vertrag zwischen Bundesrepublik und DDR über die Einzelheiten des Beitritts (1990).
Treuhandanstalt
Behörde zur Privatisierung der DDR-Staatsbetriebe.

⚠️ Typische Fehler

  • Den 9. November 1989 mit dem Tag der Einheit verwechseln – die Einheit kam am 3. Oktober 1990.
  • Die Wiedervereinigung als reines Werk von Politikern darstellen – ohne die Bürgerbewegung und die Ausreisewelle hätte es den Umbruch nicht gegeben.
  • Annehmen, die Einheit sei ohne Zustimmung der Siegermächte möglich gewesen.

✏️ Übungen

Aufgabe 1 · leicht: Ordne chronologisch: Volkskammerwahl, Mauerfall, Zwei-plus-Vier-Vertrag, Währungsunion, Leipziger Demonstration vom 9. Oktober.

Lösung anzeigen

9.10.1989 Leipzig → 9.11.1989 Mauerfall → 18.3.1990 Volkskammerwahl → 1.7.1990 Währungsunion → 12.9.1990 Zwei-plus-Vier-Vertrag.

Aufgabe 2 · mittel: Erkläre den Wandel der Parole von „Wir sind das Volk“ zu „Wir sind ein Volk“.

Lösung anzeigen

„Wir sind das Volk“ richtete sich gegen den Machtanspruch der SED und forderte demokratische Rechte in der DDR. Nach dem Mauerfall und dem Einblick in den Westen wünschten viele die schnelle Einheit mit der Bundesrepublik: „Wir sind ein Volk“.

Aufgabe 3 · anspruchsvoll: Erörtere, ob die Wiedervereinigung zu schnell erfolgte.

Lösung anzeigen

Pro „zu schnell“: Wirtschaftlicher Schock durch Währungsunion (Exportmärkte brachen weg), Abwicklung vieler Betriebe, wenig Zeit für eigene Verfassungsdebatte. Contra: Abwanderung drohte die DDR auszubluten, das außenpolitische „Zeitfenster“ (Gorbatschow) war unsicher, Mehrheit der DDR-Bürger wählte die schnelle Einheit. Begründetes Urteil.

✅ Selbsttest

1. Was geschah am 9. Oktober 1989 in Leipzig?
2. Was regelte der Zwei-plus-Vier-Vertrag?
3. Wann wurde Deutschland wiedervereinigt?

🧾 Zusammenfassung

  • Ursachen: Wirtschaftskrise, Reformverweigerung der SED, Wahlfälschung, Gorbatschow, Ungarns Grenzöffnung.
  • Montagsdemonstrationen, 9.10.1989 Leipzig, 9.11.1989 Mauerfall.
  • 18.3.1990 freie Volkskammerwahl, 1.7.1990 Währungsunion, 12.9.1990 Zwei-plus-Vier, 3.10.1990 Einheit.
  • Innere Einheit: Treuhand, Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Angleichung.

🎓 Abiturähnliche Aufgabe: „Revolution“ oder „Wende“? Begriffe für 1989

Übungsaufgabe im Stil des Abiturs (keine Originalprüfung). Bearbeitungszeit etwa 60 Minuten.

Material

M1 (Sachinformation): Egon Krenz, Nachfolger Honeckers als SED-Generalsekretär, sprach im Oktober 1989 von einer „Wende“, die die SED einleiten wolle. Viele Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler lehnen den Begriff ab und sprechen von einer „Friedlichen Revolution“.

M2 (Sachinformation): Eine Revolution wird in der Geschichtswissenschaft meist als grundlegender, oft schneller Umsturz der politischen und gesellschaftlichen Ordnung „von unten“ beschrieben.

  1. Geben Sie die beiden Begriffsverwendungen wieder (M1). (AFB I)
  2. Erläutern Sie, warum die Wahl des Begriffs eine politische Deutung enthält. (AFB II)
  3. Beurteilen Sie anhand der Ereignisse 1989/90 und der Definition in M2, welcher Begriff angemessener ist. (AFB III)
Erwartungshorizont anzeigen
  1. „Wende“: von der SED-Führung geprägt, Reform von oben unter Erhalt der Macht. „Friedliche Revolution“: Umsturz durch die Bevölkerung.
  2. Begriffe legen fest, wer handelte (Partei oder Volk) und wie grundlegend der Wandel war; „Wende“ verkleinert den Anteil der Bürgerbewegung, „Revolution“ betont ihn.
  3. Kriterien prüfen: Ablösung der SED-Herrschaft, freie Wahlen, Ende der Planwirtschaft, Selbstauflösung der DDR – grundlegend und von unten erzwungen → „Friedliche Revolution“ gut begründbar; Gegenargumente (Rolle Gorbatschows, Verhandlungen, Einheit durch Beitritt) abwägen; begründetes Urteil.

👩 Frag CELINA zu „Friedliche Revolution und Wiedervereinigung 1989/90“

Passt dazu: Deutsche Teilung: Bundesrepublik und DDR · Kalter Krieg: Ost-West-Konflikt 1945–1991 · Europäische Einigung