Literatur · Oberstufe und Abitur · Klasse 11â13
Literaturtheorie: ZugÀnge zur Interpretation
Aristoteles' Poetik, Hermeneutik und hermeneutischer Zirkel, werkimmanente, biografische, sozialgeschichtliche, psychoanalytische und rezeptionsÀsthetische ZugÀnge.
đŻ Lernziele
Nach diesem Thema kannst du âŠ
- grundlegende literaturtheoretische ZugÀnge unterscheiden
- den hermeneutischen Zirkel erklÀren
- die RezeptionsÀsthetik (Leerstellen) erlÀutern
- ZugÀnge auf einen Text anwenden und ihre Grenzen benennen
đĄ ErklĂ€rung
Die Ă€lteste einflussreiche Theorie ist die Poetik des Aristoteles (4. Jh. v. Chr.) mit den Begriffen Mimesis und Katharsis. Seit der Neuzeit wurde intensiv darĂŒber gestritten, was Dichtung soll â belehren und unterhalten (Horaz: âprodesse et delectareâ) oder die Welt nachahmen, ausdrĂŒcken, verĂ€ndern.
Hermeneutik ist die Lehre vom Verstehen. Der hermeneutische Zirkel (Schleiermacher, Dilthey, Gadamer) beschreibt, dass man das Ganze eines Textes nur aus seinen Teilen und die Teile nur aus dem Ganzen versteht; Verstehen ist ein fortschreitender Prozess, in den auch das VorverstÀndnis des Lesers eingeht.
ZugÀnge: werkimmanent (nur der Text, seine Form und Struktur), biografisch (Leben des Autors), literaturhistorisch (Epoche, Gattungstradition), sozialgeschichtlich/literatursoziologisch (gesellschaftliche Bedingungen, Klassen, Macht), psychoanalytisch (Unbewusstes, Triebe, Konflikte, nach Freud), gender- und postkolonial orientiert (Geschlechterrollen, MachtverhÀltnisse, Fremdbilder), strukturalistisch (Zeichen, GegensÀtze, Strukturen).
Die RezeptionsĂ€sthetik (Hans Robert JauĂ, Wolfgang Iser) betont die Rolle der Leser: Texte enthalten Leerstellen, die Leser mit ihrer Vorstellung fĂŒllen; die Bedeutung entsteht im Zusammenspiel von Text und Leser und verĂ€ndert sich mit der Zeit. Im Unterricht kombiniert man meist mehrere ZugĂ€nge; wichtig ist, dass jede Deutung am Text belegt wird.
Kafkas âDie Verwandlungâ aus drei Blickwinkeln: biografisch (Kafkas schwieriges VerhĂ€ltnis zum Vater), sozialgeschichtlich (Mensch als Arbeitskraft, Familie als ökonomische Gemeinschaft), psychoanalytisch (SchuldgefĂŒhle, Selbstentfremdung). Alle drei Deutungen lassen sich mit Textstellen stĂŒtzen â keine erschöpft den Text.
đ Fachbegriffe
- Hermeneutik
- Lehre vom Verstehen und Auslegen von Texten.
- hermeneutischer Zirkel
- Wechselseitiges Verstehen von Teil und Ganzem.
- RezeptionsÀsthetik
- Theorie, die die Rolle der Leser bei der Bedeutungsbildung betont.
- Leerstelle
- Unbestimmtheit im Text, die Leser fĂŒllen (Iser).
- werkimmanent
- Interpretation allein aus dem Text.
- prodesse et delectare
- NĂŒtzen und erfreuen (Horaz).
â ïž Typische Fehler
- Biografische Fakten als âLösungâ des Textes ausgeben.
- Deutungen ohne Textbeleg nur aus der Theorie ableiten.
- Einen Zugang fĂŒr den einzig richtigen halten.
âïž Ăbungen
Aufgabe 1 · mittel: ErklÀre den hermeneutischen Zirkel an deinem Leseprozess eines Romans.
Lösung anzeigen
Beim ersten Lesen bildet man aus einzelnen Kapiteln eine Vorstellung vom Ganzen; diese verÀndert wiederum das VerstÀndnis einzelner Stellen beim erneuten Lesen; Vorwissen und neue Einsichten verbinden sich zu einem immer genaueren VerstÀndnis.
Aufgabe 2 · anspruchsvoll: Wende zwei ZugÀnge auf eine Kurzgeschichte deiner Wahl an und vergleiche die Ergebnisse.
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Beispiel âDas Brotâ: werkimmanent â Leitmotiv Brot, LĂŒge und Geste, Wendepunkt; sozialgeschichtlich â Hungerjahre nach 1945, Not prĂ€gt Ehe und Moral. Vergleich: Der erste Zugang zeigt die Kunst der Darstellung, der zweite erklĂ€rt das Verhalten aus den ZeitumstĂ€nden; zusammen ergibt sich ein vollstĂ€ndigeres Bild.
â Selbsttest
đ§Ÿ Zusammenfassung
- Aristoteles (Mimesis, Katharsis), Horaz (prodesse et delectare).
- Hermeneutik und hermeneutischer Zirkel.
- ZugÀnge: werkimmanent, biografisch, literaturhistorisch, sozialgeschichtlich, psychoanalytisch, gender/postkolonial, strukturalistisch.
- RezeptionsÀsthetik: Leerstellen; Deutungen immer belegen.
đ© Frag CELINA zu âLiteraturtheorie: ZugĂ€nge zur Interpretationâ
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